Wir brauchen ein neues Narrativ, das uns die Welt erklärt. Welche Rolle spielt Gott, Teufel und Mensch?

Der strafende Gott und die Verletzbarkeit der Menschen

Religiöse Erklärungen und Narrative für Krisen und Katastrophen. Gast: Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Irmtraud Fischer, Institut für alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. Moderation: Andreas Obrecht.

https://oe1.orf.at/programm/20200424/595639/Der-strafende-Gott-und-die-Verletzbarkeit-der-Menschen

Von den alttestamentlichen Schriften bis zu den gängigen religiösen Interpretationen im 19. Jahrhundert tritt mit großer Regelmäßigkeit ein strafender Gott auf, der Menschen für ihr Fehlverhalten zur Rechenschaft zieht und sie durch Dürren, Fluten, Kriege und andere Katastrophen belehrt, ihnen Demut abverlangt und sie dadurch zur Bekehrung auffordert.

Auch die Corona-Krise hat die Diskussion über den strafenden Gott – zumindest in kirchlichen Kreisen – wiederaufleben lassen. Zwar werden Aussagen auch einzelner kirchlicher Würdenträger, dass Corona eine Strafe Gottes für die Liederlichkeit menschlichen Zusammenlabens sei, regelmäßig scharf kritisiert und zurückgewiesen, aber die uralte Frage bleibt doch offen, wie ein liebender Gott so viel Leid zulassen kann, wenn er es schon nicht selbst verursacht.

Seuchen, Schicksalsschläge und Naturkatastrophen wurden tausende von Jahren mit religiösen Bildern gedeutet und auch als Ausdruck der Beziehung der Menschen zu metaphysischen Kräften und Mächten verstanden. Im Zuge der Säkularisierung und Verwissenschaftlichung des Denkens wurde spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts Gott zu einer Option, zu einer Möglichkeit von Welterklärung unter vielen, womit die religiöse Deutung von schicksalshaften Vorfällen an Gewicht verloren hat.

Die Deutung selbst ist freilich so wichtig wie ehedem: “Wir brauchen eine Geschichte, die uns die neue Lage erfassen lehrt, ein Narrativ, das uns die neue Welt verständlich werden lässt”, schreibt die Theologin und Bibelwissenschaftlerin Irmtraud Fischer.

Woher kommt das Leid? Das ist eine der zentralen Menschheitsfragen, die insbesondere angesichts von Krisen und Katastrophen immer wieder von neuem gestellt wird. Dass sich auch unser Verhältnis zum Tod durch die kollektive Erschütterung unseres Sicherheitsgefühls verändern wird, davon ist Irmtraud Fischer, die zu Gast bei Andreas Obrecht ist, überzeugt.

Wie immer freut sich die Redaktion über rege Beteiligung unter punkteins(at)orf.at oder unter 0800 22 69 79 während der Sendung.

Welche Bedeutung haben religiöses Denken und religiöse Erfahrung für die Bewältigung kollektiver Krisen? Ist, wie der Philosoph Kant gesagt hat, das Theodizee-Problem grundsätzlich unlösbar? Welche Rolle spielen derzeit religiöse Verschwörungstheorien? Welche Erklärungshilfen für schicksalshafte Wendungen ermöglicht eine moderne Bibelauslegung? Und was ist mit dem Teufel – verschwindet er von der Weltbühne, wenn Gott für die Menschen nicht mehr wichtig ist?

Service

Aktuelles Buch:
Irmtraud Fischer (2020): Jona. Erschienen in der Reihe Internationaler Exegetischer Kommentar zum Alten Testament. Verlag Kohlhammer

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